Ein Stromerzeuger kann auf dem Papier „genug kW“ haben – und trotzdem scheitert er beim Start eines Kühlschranks, einer Tiefbrunnenpumpe oder eines Kompressors. Der Grund ist fast immer derselbe: Anlaufstrom (auch Einschaltstrom genannt). Viele Verbraucher ziehen beim Start kurzzeitig ein Vielfaches ihres normalen Stroms. Wenn der Generator das nicht abfangen kann, bricht die Spannung ein, die Frequenz schwankt – und der Verbraucher startet nicht oder der Generator schaltet ab.
Dieser Beitrag erklärt praxisnah, wie Anlaufströme entstehen, welche Verbraucher kritisch sind und wie Sie Ihren Stromerzeuger so dimensionieren, dass er im Alltag zuverlässig läuft.
1) Was ist Anlaufstrom – und warum ist er so wichtig?
Viele Geräte benötigen beim Start deutlich mehr Leistung als im Dauerbetrieb:
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Motoren müssen aus dem Stillstand Drehmoment aufbauen
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Kompressoren starten oft gegen Restdruck
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Netzteile laden Kondensatoren schlagartig (Elektronik)
Dieser kurze „Kick“ dauert meist nur Bruchteile einer Sekunde bis wenige Sekunden – reicht aber, um einen zu knapp dimensionierten Generator in die Knie zu zwingen.
Typische Symptome bei zu hohem Anlaufstrom:
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Licht flackert stark oder geht kurz aus
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Generator „verschluckt sich“, Drehzahl sackt ab
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Schutzabschaltung löst aus
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Motor brummt, läuft nicht an (sehr kritisch – Überhitzungsgefahr)
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Elektronik startet neu oder geht in Störung
2) Die wichtigsten Begriffe (kurz und praxisnah)
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W (Watt) / kW: Wirkleistung – das, was „wirklich genutzt“ wird
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VA / kVA: Scheinleistung – wichtig bei induktiven Lasten und schlechter Leistungsfaktor-Lage
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cos φ: Leistungsfaktor (grob: Verhältnis von kW zu kVA)
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Nennleistung: Leistung, die ein Gerät dauerhaft liefern kann
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Spitzenleistung: kurzzeitig abrufbar (je nach Generator-Typ sehr unterschiedlich)
Merke: Bei Motoren und vielen Maschinen zählt nicht nur kW, sondern auch die Fähigkeit, kurzzeitig hohe Ströme zu liefern.
3) Welche Verbraucher haben hohe Anlaufströme?
Hier eine praxisorientierte Einordnung:
Unkritisch bis moderat (meist gut beherrschbar)
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Glüh-/Halogenlampen (kurzer Einschaltimpuls, meist unproblematisch)
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Heizlüfter, Kochplatten, Wasserkocher (ohmsche Last)
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klassische Bohrmaschinen (je nach Leistung moderat)
Kritisch (häufige Ursache für Startprobleme)
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Kühlschrank, Gefriertruhe (Kompressor)
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Kompressor (Werkstatt/Baustelle)
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Pumpen (Gartenpumpe, Tiefbrunnenpumpe, Schmutzwasser)
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Klimageräte (Kompressor)
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Betonmischer, Kreissäge, große Elektrowerkzeuge
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Schweißgeräte (stark wechselnde Lasten)
Sehr kritisch / Sonderfall
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Geräte mit hohem Motoranlauf bei gleichzeitig empfindlicher Elektronik
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Anlagen mit mehreren Motoren, die „zufällig“ gleichzeitig starten
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Verbraucher mit schlechtem Leistungsfaktor und/oder starken Lastsprüngen
4) Faustregeln: Wie viel Reserve brauche ich?
Die folgende Übersicht ist bewusst praxisnah. Je nach Gerät, Alter, Temperatur und mechanischer Last können Werte schwanken – aber als Planungsgrundlage sind sie sehr hilfreich.
A) Kompressor-/Motorlasten (Faustfaktoren)
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Kühlschrank/Gefriertruhe: ca. 3–6× der Laufleistung beim Start
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Kleine Pumpen (z. B. Garten): ca. 3–5×
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Kompressoren (Werkstatt): ca. 4–7×
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Tiefbrunnenpumpen: oft 5–8× (manchmal mehr, je nach Bauart)
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Sägen/Mischer mit Last: ca. 3–6×
Wichtige Konsequenz: Ein Verbraucher mit 800 W Laufleistung kann beim Start kurzfristig 3–5 kW „fordern“. Wenn der Generator das nicht liefern kann, klappt der Start nicht zuverlässig.
B) Elektronik & Netzteile (oft unterschätzt)
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LED-Treiber, Schaltnetzteile, Ladegeräte: je nach Qualität kurzer Impuls, meist kleiner als bei Motoren, aber in Summe relevant (viele Geräte gleichzeitig)
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Große Audio-/Licht-Setups: Impulse + empfindliche Reaktion auf Spannungseinbrüche
Praxis-Tipp: Bei Events lieber mit stabiler Grundlast testen und Verbraucher nacheinander zuschalten.
5) Generator-Typen: Wer kann Lastspitzen besser?
Inverter-Stromerzeuger
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Sehr saubere Spannung/Frequenz
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Oft gut für empfindliche Elektronik
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Spitzenleistung vorhanden, aber abhängig vom Modell begrenzt
Gut für: IT, Audio, Licht, Haushaltsgeräte – solange die Startspitzen im Rahmen bleiben.
Konventionelle AVR-Generatoren
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Robust, oft gute „Trägheit“ bei Lastwechseln
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Je nach Auslegung stark bei Motorlasten
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Spannung kann bei Lastsprüngen stärker schwanken als beim Inverter
Gut für: Werkstatt, Baustelle, gemischte Lasten, Motoren – wenn ausreichend dimensioniert.
Dieselaggregate (größer, schwerer, oft sehr robust)
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Häufig sehr laststabil, besonders in größeren Klassen
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Ideal, wenn längere Laufzeiten und hohe Dauerlast gefordert sind
Gut für: Dauerbetrieb, größere Motoren, Landwirtschaft/Betrieb.
6) So dimensionieren Sie richtig: Schritt-für-Schritt
Schritt 1: Liste der Verbraucher erstellen
Notieren Sie:
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Laufleistung (W) oder Strom (A)
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Art des Verbrauchers (Heizung, Motor, Elektronik)
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Muss es gleichzeitig laufen?
Schritt 2: Gleichzeitige Dauerlast berechnen
Addieren Sie die Verbraucher, die realistisch parallel laufen.
Schritt 3: Kritischsten Anlauf berücksichtigen
Jetzt kommt der wichtigste Teil:
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Identifizieren Sie den Verbraucher mit dem höchsten Anlaufbedarf (oft Kompressor/Pumpe)
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Rechnen Sie für diesen Verbraucher eine Startreserve ein (Faustfaktoren oben)
Schritt 4: Zuschaltreihenfolge planen
Viele Probleme lösen sich nicht durch „mehr kW“, sondern durch cleveres Zuschalten:
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Generator starten und stabil laufen lassen
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Unkritische Grundlast (z. B. Licht/Heizlüfter) zuschalten
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Motorlasten einzeln starten (nie alles gleichzeitig)
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Empfindliche Elektronik zuletzt
Schritt 5: Realitätscheck mit Lasttest
Führen Sie einen echten Test durch:
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Startverhalten beobachten
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Spannung/Frequenz (falls messbar) prüfen
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Kabelquerschnitte und Steckverbindungen beachten
7) Rechenbeispiele aus der Praxis
Beispiel 1: Haushalt-Notversorgung mit Kühlschrank
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Kühlschrank Laufleistung: 150 W
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Anlauf: ca. 5× → 750 W Startbedarf (konservativ)
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Zusätzlich Licht + Router: 150 W
Empfehlung: Ein Generator mit mind. 1–2 kW (mit solider Spitzenleistung) ist hier meist entspannt – besonders, wenn nicht alles gleichzeitig startet.
Beispiel 2: Gartenpumpe + ein paar Verbraucher
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Pumpe: 900 W
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Anlauf: 4× → 3.600 W
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Zusätzlich: 500 W sonstige Last
Empfehlung: Generator ab ca. 4–5 kW sinnvoll, oder Pumpe mit sanfterem Startkonzept (siehe unten).
Beispiel 3: Werkstatt-Kompressor
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Kompressor: 2.200 W
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Anlauf: 6× → 13.200 W (!) möglich
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Das ist der typische „Warum startet er nicht?“-Fall
Empfehlung: Entweder deutlich größer dimensionieren oder Startspitzen reduzieren (Softstart/Frequenzumrichter/anderer Kompressor/Start gegen Druck vermeiden).
8) Startspitzen reduzieren: Die cleveren Lösungen (oft günstiger als ein größerer Generator)
A) Verbraucher nacheinander starten
Klingt banal, ist aber enorm wirksam.
B) Drucklos starten (Kompressor)
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Wenn ein Kompressor gegen Druck startet, steigt der Anlaufbedarf massiv.
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Wartung/Check von Entlastungsventil und Rückschlagventil kann Wunder wirken.
C) Softstarter / Sanftanlauf (je nach Anwendung)
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Reduziert Startstrom, verlängert Anlaufzeit
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Besonders interessant bei größeren Motoren
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Muss zum Motor und Einsatz passen
D) Frequenzumrichter (VFD) für Pumpen/Motoren
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Sehr effektive Startstrombegrenzung
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Zusätzlich: Drehzahlregelung und oft effizienterer Betrieb
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Eher eine Investition – lohnt sich bei regelmäßiger Nutzung
9) Die häufigsten Dimensionierungsfehler
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Nur Dauerleistung addiert, Anlauf ignoriert
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Spitzenleistung überschätzt („steht doch drauf“)
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Zu lange/zu dünne Kabel → Spannungsabfall verstärkt Startproblem
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Alles gleichzeitig eingeschaltet
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Motor brummt und startet nicht – und man lässt ihn so laufen (kritisch!)
Wichtig: Wenn ein Motor nicht anläuft und nur brummt: sofort abschalten. Das kann Motor und Generator schädigen.
Fazit
Die richtige Generatorgröße hängt nicht nur von „kW insgesamt“ ab, sondern vor allem von Startspitzen und Zuschaltlogik. Wer Motorlasten realistisch bewertet, genügend Reserve einplant und die Startreihenfolge sinnvoll gestaltet, bekommt eine Notstromlösung, die nicht nur theoretisch – sondern im entscheidenden Moment wirklich funktioniert.